Comics im LateinunterrichtWenn ich die lateinischen Unterrichtswerke, die heute an den Gymnasien und Gesamtschulen benutzt werden, mit den Lateinbüchern meiner eigenen Schulzeit vergleiche, so fällt neben den unterschiedlichen didaktischen und methodischen Konzepten vor allem eines ins Auge: Die heutigen Lehrbuchmacher haben Bild und Farbe als Motivationshilfen und Mittel der Veranschaulichung entdeckt. Noch Jahrzehnte nach dem Ende des zweiten Weltkriegs waren die Schulbücher und Lektüreauswahlen reine Textausgaben und es zeugte fast von verlegerischer Kühnheit, wenn in die endlosen mit Druckerschwärze gefüllten Seiten wenigstens hier und da ein antikes Vasenbild oder Relief eingestreut war. Im Unterricht ging es fast ausschliesslich um die Analyse und treffende Übersetzung deklinierbarer und konjugierbarer Formen (wie hiess doch gleich verflixt nochmal der Infinitiv Präsens Aktiv von "sustulérunt"?) und darum, eine Gerundiv- oder Partizipialkonstruktion zu erkennen und in ein Deutsch zu bringen, das dem Liebhaber der deutschen Sprache zuweilen Schauder über den Rücken jagte. Da war die strapazierte linke Gehirnhälfte des jungen Grammatikspezialisten froh, wenn sie für eine Weile das Kommando an ihr rechtes Pendant abgeben konnte. Aber die Freude über eine der seltenen Abbildungen währte nicht lange.
Zwar erinnerten sich die jugendlichen Betrachter meist sofort an das berühmte Orpheusrelief aus dem Nationalmuseum in Neapel. An einem Gipsabguss davon, der im Treppenhaus fast jeden humanistischen Gymnasiums hing, waren sie täglich mehrmals achtlos vorübergegangen. Aber die Frage, wer von den eigentümlich steif und teilnahmslos herumstehenden drei Gestalten den unglücklichen Orpheus darstellte, war meist nur durch das Studium der Bildunterschrift oder mit Hilfe eines freundlichen Lehrerkommentars eindeutig zu beantworten. Waren die Figuren endlich identifiziert, machte sich allerdings ungläubiges Erstaunen breit. Zu dieser Frauengestalt mit dem knöchellangen Gewand in der Bildmitte war also angeblich ein Mann so in Liebe entbrannt, dass er den gefährlichen Weg in die Unterwelt wagte, aus der es normalerweise keine Rückkehr gab!? Nichts von dem, was der männliche Teenager an seiner heimlichen Liebe aus dem Mädchengymnasium, derzuliebe er auf dem Schulweg unter Umständen einen erheblichen Umweg in Kauf nahm, liebens- und begehrenswert fand, konnte er in dieser Eurydike wiedererkennen. Strenge Konzentration auf den Text, die durch keinerlei textfremde Elemente gestört werden durfte, war die Devise des damaligen altsprachlichen Unterrichts. Nun, der Ablenkungsfaktor solchen Anschauungsmaterials dürfte sich in Grenzen gehalten haben.
Die Bedenken der Verfechter des reinen, unverfälschten Textes wären angesichts der schönen Falbala, in die sich der grobschlächtige Obelix in dem Comic "Asterix Legionarius" hoffnungslos verknallt, schon eher berechtigt gewesen. Aber an dieser Stelle ist zu fragen, ob der Leser durch eine solche Illustration wirklich vom Text abgelenkt und nicht eher zu ihm hingeführt wird. Auf diese Weise würde doch die berühmte Geschichte von Orpheus und Eurydike aus dem 10. Buch der Metamorphosen Ovids erst verständlich. Obelix würde keine Sekunde zögern, für die reizende Falbala in den Orkus hinabzusteigen und den dreiköpfigen Cerberus ins Reich der Träume zu schicken. Das Beispiel verdeutlicht die Beziehung eines Bildes zu einem Text. Das Orpheusrelief gehört nicht zum Textgeschehen, es steht vielmehr statisch und ohne Beziehung neben ihm. Es ist innerhalb des Textes ein Fremdkörper, der die Handlung nicht plausibel, sondern eher unglaubhaft macht. Das Bild illustriert nicht, es irritiert. Uderzo dagegen hat den Liebreiz der Falbala so dargestellt, dass die Verliebtheit des plumpen Bauernburschen Obelix jedem sofort einleuchtet. Bild und Textgeschehen ergänzen sich gegenseitig und bilden eine Einheit. Die Integration von Text und Bild ist aber das entscheidende Wesensmerkmal des Mediums Comic oder der Bildergeschichte. Der bewusste Verzicht auf textillustrierende Bilder im altsprachlichen Unterricht begibt sich einer einmaligen Möglichkeit der immanenten Textinterpretation. Diese willkürliche Trennung von Text und Bildern kann sich weder auf die Antike noch auf die Geschichte der Pädagogik berufen. Bildergeschichten – wenn auch angesichts des Analphabetismus der breiten Masse ohne Text – gab es bereits in der Antike. Exemplarisch sei hier nur auf den Parthenonfries und vor allem die Trajanssäule hingewiesen, die von Kennern als Vorläufer des modernen Comic gesehen wird. Wäre Cäsar ein längeres Leben beschieden gewesen, hätte er seine Taten mit Sicherheit in ähnlicher Weise wie Trajan darstellen lassen, da das Gros der analphabetischen Bevölkerung nur über das Medium Bild zu erreichen war, wovon zahllose Reliefs, Mosaiken und Fresken ein beredtes Zeugnis ablegen. Die antike Welt war eine Welt voller Bilder und Farben. Die weissen und angegrauten Gipsabgüsse in unseren Museen und Sammlungen lassen kaum ahnen, dass antike Skulpturen bemalt waren. Die erstaunlich gut erhaltenen Fresken an den Wänden pompejanischer Villen geben eine Vorstellung von der farbenfrohen Welt der Griechen und Römer. Das wohl berühmteste lateinische Lehrbuch, der 1658 in Nürnberg erschienene orbis sensualium pictus des Johan Amos Comenius, hat diese antike Tradition aufgegriffen. In seinem Lehrbuch gibt es keine lateinische Vokabel und keinen Satz ohne Illustration, allerdings in Schwarz-Weiss, da der Vierfarbdruck erst Ende des 19. Jahrhunderts erfunden wurde. Ein gutes Jahrhundert nach Comenius waren alle Bilder aus den Lehrbüchern verschwunden.Seit Ende der 70-er Jahre erobern Zeichnungen und Bilder allmählich die Lateinbücher. Aber es dauerte noch eine ganze Weile, bis auch Comics in altsprachlichen Schulbüchern akzeptiert wurden. Comics waren nach 1945 in Deutschland geradezu verpönt. In den 50-er Jahren war die öffentliche Meinung von einer leidenschaftlich geführten Debatte darüber beherrscht, ob die Bildergeschichten mit Tarzan, Superman, Donald Duck und anderen Tierfiguren eher harmloser Natur seien oder ihre Rezipienten verderben könnten. Dass Comic-Zeichnungen die Phantasie ersticken und die Comic-Sprache mit ihren Peng-, Zack- und Bumm-Lauten die Sprache ihrer Leser verkümmern lässt, war noch einer der gelindesten Vorwürfe. Radikale Comic-Gegner konstruierten einen direkten Zusammenhang zwischen Comic-Konsum, Kriminalität und Faschismus. Die Bedenken gegen Heldenfiguren wie Superman, Spiderman oder Batman waren nach den leidvollen Erfahrungen mit Hitler, dem Supermann der Deutschen, verständlich und führten dazu, dass man die Comic-Helden auf den Index setzte. Dies war die Geburtsstunde von Asterix und Obelix. Denn Uderzo und Goscinny, die geistigen Väter der mutigen Gallier, versuchten, dem Bannstrahl, der die Superhelden getroffen hatte, dadurch auszuweichen, dass sie im Oktober 1959 mit dem listigen Zwerg und seinem dicken Freund Antihelden schufen, die auf Seiten einer kleinen Minderheit mit Witz und Bauernschläue erfolgreich gegen eine bedrohliche Übermacht kämpften. In den Einwohnern des kleinen gallischen Widerstandsnestes in der Bretagne kann man unschwer die Resistance erkennen, während die faschistische Übermacht durch Cäsar und seine Legionen verkörpert wird. Das Geschehen war zeitlich so weit zurückverlegt, dass sich niemand persönlich angegriffen zu fühlen brauchte. Asterix und Obelix traten weltweit einen beispiellosen Siegeszug an und wurden praktisch in alle Sprachen übersetzt, selbst in Dialekte wie Alemannisch oder Schwäbisch. Dass die gallischen Dörfler sich auch auf Latein verständigten, entbehrt zwar nicht einer gewissen Pikanterie, war aber andererseits naheliegend. Schon im französischen Original werfen die Römer mit lateinischen Ausdrücken und Zitaten um sich wie sic! ipso facto! vae victis! Ave! Morituri te salutant! Quo vadis? Aut Cäsar aut nihil! Quid novi? Sursum corda!, um nur einige zu zitieren. Hinzu kam, dass die Handlung zur Zeit Cäsars spielte. In jedem Band kamen römische Legionäre vor. Cäsar und Vercingetorix traten auf, und Paris hiess wie in der Antike Lutetia. Dennoch hatte man beim Lizenzverlag Ehapa in Stuttgart gewisse Bedenken, als wir – ein Fachkollege und ich – Anfang der 70-er Jahre den Vorschlag machten, die Gallier in der Sprache ihrer Feinde reden zu lassen. Dass einer lateinischen Asterixausgabe ein besonderer Erfolg beschieden sein sollte, konnte man in Stuttgart nicht glauben. Wer sollten denn die Leser sein? Allenfalls ein paar Lateinfreaks unter Ärzten, Juristen und Lehrern, die obendrein auch noch Comicfans waren, eine vermutlich eher seltene Kombination. Dass ein Comic, in dem sich eine wilde Horde von Galliern über die sieggewohnten Römer lustig macht und ganze Manipel und Zenturien ko schlägt, in einem Unterrichtsfach gelesen würde, dem die Römer und ihre Welt traditionsgemäss als vorbildlich gelten, hielt man für undenkbar. Wir – mein Kollege und ich – waren uns selbst nicht ganz sicher. Nach langem Zögern gab Ehapa mir schliesslich den Auftrag, den ersten Band "Asterix der Gallier" zu übersetzen. Grundlage für die Übersetzung war das französische Original, weil nach einer Behauptung des Romanisten André Stoll bei der Übersetzung ins Deutsche über 60 % des Wortwitzes verloren gehen. Ich hatte die Freiheit, an geeigneten Stellen zusätzliche Gags, lateinische Sprichwörter und Zitate einzubauen, sofern der Sinn des Originals nicht verfälscht wurde. Der lateinische Asterix war nicht nur als Freizeitlektüre einiger Lateinliebhaber gedacht. Die mutigen Gallier, die auf unerklärliche Weise die Sprache ihrer Feinde gelernt hatten – die Gelehrten streiten sich darüber, ob der Zaubertrank des Druiden im Spiel war, oder ob der Barde Cantorix eine Art gallischer Trichter erfunden hatte - sollten ganzen Schulklassen dabei helfen, sich gegen die bedrohlichen Heerscharen von Vokabelmassen und gegen die in einer acies quincuplex, einer fünffach gestaffelten Schlachtordnung angreifenden Formentabellen, die von Zenturionen und Dekurionen mit so gefährlich klingenden Namen wie Abl. Abs., AcI, PC und Gerund angeführt wurden, erfolgreich zu behaupten. Daher orientiert sich das Latein der Comicfiguren an Cicero und vor allem Cäsar, ist aber in Wortwahl und Grammatik leichter als die Sprache der grossen Vorbilder. Das Konzept ging auf. Als 1973 der erste lateinische Asterixband "Asterix Gallus" in einer vorsichtigen Auflage von 20.000 Exemplaren erschien, war er innerhalb weniger Wochen vergriffen. Der Verlagsleitung war so begeistert, dass sie den Entschluss fasste, alle bisher erschienenen und evtl. noch erscheinenden Abenteuer auf Latein erscheinen zu lassen. Der Einzug der lateinsprechenden gallischen Helden in deutsche Klassenzimmer stiess allerdings noch in den 80-er Jahren auf gelegentliche Gegenwehr, vor allem in Bayern und Schwaben. Einige Kollegen und Schüler hatten sich auf die Seite der römischen Legionen geschlagen. Im August 1982 wandte sich ein Schüler der Jahrgangsstufe 9 aus Landshut in einem heldenhaften Brief an die Verlagsleitung. Ich zitiere:
Als Beispiel wird der Name Galicula minus angeführt, für den korrekt Galicula minor zu schreiben sei. Der Briefschreiber versteigt sich zu der kühnen These, dass moderne Wörter überhaupt nicht ins Latein zu übersetzen seien, eine Behauptung, die in der lateinsprechenden Welt von heute, die hierzulande von Caelestis Eichenseer in Saarbrücken angeführt wird, auf fassungsloses Unverständnis stoßen dürfte. Dass dieser Brief nicht die Meinung eines hoffnungslosen Aussenseiters widerspiegelt, zeigt ein etwa um die gleiche Zeit entstandener offener Brief des Vorsitzenden eines Cäsar-Fan-Clubs aus Besigheim (Schwaben), der sich Imperator nennt. In diesem Brief geht es weniger um angeblich fehlerhaftes Latein als vielmehr um die Darstellung der Römer. Zitat:
Angefügt ist eine Liste von 35 Unterschriften. Unterschrieben haben Schüler der 8. – 11. Klassen und einige Lehrer und Eltern, darunter die Eltern des Imperatoren, ein Lehrer, der gallisch und britannisch unterrichtet, ein Pfarrer und ein Lateinschüler, der sich trotzig als ehemaligen Asterix-Fan bezeichnet. Inzwischen gibt es vom Asterix Latinus 22 Bände. Die Tatsache, dass zur Zeit 4 der 21 Bände vergriffen sind und nachgedruckt werden müssen, lässt darauf schliessen, dass der Boom ungebrochen ist. Gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen zufolge erreichte die Auflagenhöhe des sog. Basisbandes "Asterix Gallus" nahezu eine halbe Million. Da Übersetzerverträge seit jeher Fixumverträge sind, ist der Übersetzer übrigens trotzdem nicht reich geworden. Die Zahlen belegen, dass der lateinische Asterix im Lateinunterricht allgemeine Zustimmung gefunden hat. So hat beispielsweise das altehrwürdige Bielefelder Ratsgymnasium den Band "Asterix Gladiator" offiziell als Alternative zur Lektüre einer römischen Komödie im Lehrplan etabliert. Wenn man auch der Meinung jenes Schülers aus Landshut keinesfalls zustimmen kann, dass moderne Ausdrücke prinzipiell unübersetzbar seien, so sind doch bei der Übersetzung der res nostri temporis gelegentlich kleinere Probleme aufgetaucht. So hat z.B. der kulinarische Streifzug durch die französische Küche in dem Band "Iter Gallicum" (frz.: Tour de France) meine Übersetzungskünste gelegentlich auf eine harte Probe gestellt. Aber eine beträchtliche Zahl einschlägiger Lexika und Hilfsmittel hat mir bisher immer noch geholfen. So verdanke ich dem Lexicon vocabulorum quae difficilius Latine redduntur des ehrwürdigen Mailänder Kardinals Antonius Bacci, der bis zu seinem Tod der offizielle Übersetzer des Papstes war, den wertvollen Hinweis, dass Spaghetti mit pasta vermiculata zu übersetzen sei. Wobei ich mir bisher vergeblich den Kopf darüber zerbrochen habe, an welcher Stelle in einem päpstlichen Breve oder gar in einer Enzyclica dieser Ausdruck eine Rolle gespielt haben könnte. Möglicherweise ist die Erklärung viel einfacher: die Bewohner des Vatikan haben auch beim Mittagessen Latein gesprochen, und die hierbei verwendeten Vokabeln haben Eingang in den Bacci gefunden. Schwierigkeiten gab es gelegentlich bei der Übersetzung französischer Sprichwörter oder Redewendungen, zumal wenn sie in der dazugehörigen Zeichnung mit einer entsprechenden Geste verbunden waren:
Inzwischen sind die Comics in breiter Front in die ihnen lange feindselig gegenüberstehenden lateinische Welt eingedrungen. Die Mediensammlung, die Stefan Kipf von der FU Berlin im Januar 2000 zusammengestellt hat, enthält nicht weniger als 54 Einträge unter dem Stichwort "Comics", im Internet abrufbar unter der Adresse |