
Motto: "Ich sehe und ich verstehe"
(chinesisches Sprichwort)
Der lateinische Asterix verdankt seine Entstehung der Verzweiflung eines frustrierten Lateinlehrers.
An einem Sommertag im Jahre 1971 kam ich ziemlich genervt aus der Lateinstunde einer 10. Klasse eines Münchener Gymnasiums. Es war ungefähr die zehnte Lateinstunde im neuen Schuljahr. Wir lasen den Helvetierkrieg aus Cäsars "De bello Gallico". Drei Jahre lang hatten sich Schüler mühsam die Grundlagen der lateinischen Grammatik einverleibt, und manch einer ihrer Klassenkameraden war bei diesen Bemühungen auf der Strecke geblieben. Dabei war das System der lateinischen Grammatik überschaubar und ihre Beherrschung keineswegs eine Frage der Intelligenz. Ordnende Kräfte hatten den trockenen Stoff in Paragraphen eingeteilt. In einer Lektion hatte man es mit dem Ablativus absolutus, in einer anderen mit dem Partizipium Coniunctum, dem AcI oder Deponentien zu tun. "Das römische Heer" hieß "exercitus Romanus", und "er ist gelobt worden" "laudatus est". All diese Erscheinungen wurden an handlichen Beispielsätzen demonstriert. Cäsar schien sich an diese Ordnung nicht zu halten. Viele seiner Sätze waren überhaupt nicht kurz und handlich, sondern bestanden aus einem System von ineinander verschachtelten Haupt- und Nebensätzen, das erst einmal entwirrt werden musste. Außerdem musste man darauf gefasst sein, dass mehrere Konstruktionen auf einmal vorkamen. Und es hieß nicht, wie man es aus der Grammatik gewohnt war "laudatus est", sondern "est laudatus", und zu allem Überfluss standen noch einige Wörter dazwischen. Das alles hätte man noch in Kauf genommen, wenn der Inhalt die ganze Plackerei gelohnt hätte. Aber nicht nur, dass dauernd von Schlachten, Kriegslisten und Proviantbeschaffung die Rede war, man wurde auch mit Namen konfrontiert, die die reinsten Zungenbrecher waren: Orgetorix, Cassivellaunus, Vellaunodunum ... Schon nach wenigen Stunden standen die Schüler voll unter dem im Deutschen so genannten "Lektüreschock".
Im Lehrerzimmer klagte ich mein Leid einem Kollegen, der in der Parallelklasse das Gleiche erlebte. Zufällig wurde ein Kollege, der Französisch unterrichtete, Zeuge unseres Wehklagens. Er habe dieses Problem nicht, erklärte er uns, er lese gerade die Abenteuer des Asterix auf Französisch, und seine Schüler seien mit großem Vergnügen bei der Sache. Damals hatte die Asterixwelle ihren Höhepunkt erreicht. Manche Studenten lasen während der Vorlesung unter der Bank das neueste Abenteuer von Asterix und Obelix und brachten ihre Professoren durch scheinbar unmotiviertes Kichern zur Verzweiflung. Mein Lateinkollege und ich blickten uns an, und in diesem Moment war die Idee eines lateinischen Asterix geboren. Die Bedingungen für eine lateinische Asterixübersetzung waren geradezu ideal. Die Geschichten spielten 50 vor Christus in Gallien , Cäsar und Vercingetorix traten auf, Paris hieß wie in der Antike Lutetia, und es gab lateinische Zitate en masse. Dass die sieggewohnten Legionäre Cäsars hier permanent eine aufs Haupt kriegten, entsprach zwar nicht ganz der historischen Wahrheit, würde aber sicher die Schüler neben den lustigen Geschichten und den bunten Bildern zusätzlich motivieren. Bei allem Witz waren die Zeichnungen auch lehrreich, denn die Realien waren keineswegs eine freie Erfindung von Herrn Uderzo. Die Legionäre trugen historisch korrekte Rüstungen, und das Forum Romanum im Band "Asterix orientalis" hat wirklich so ausgesehen, allerdings erst in der Kaiserzeit.
Obwohl wir – mein Kollege und ich – von der Idee absolut überzeugt waren, musste ich etwa ein Jahr mit dem deutschen Lizenzverlag Ehapa verhandeln, bis sich der Verlag, der die Übersetzung eines Asterix-Comics ins Latein für eine Schnapsidee hielt, 1973 beim ersten lateinischen Asterix ("Asterix der Gallier", lateinisch "Asterix Gallus") zu einer vorsichtigen Startauflage von 20.000 Exemplaren durchringen konnte. Der Verlagsleiter hielt die meisten deutschen Lateinlehrer für stockkonservativ und glaubte, dass sie einen Comic als Unterrichtslektüre, noch dazu einen, in dem Cäsar als Comicfigur vorkam, nicht akzeptieren würden. Ganz unbegründet waren diese Bedenken nicht. Noch in den 50-er Jahren sahen deutsche Bildungsbürger mit den aus Amerika importierten Comics den Untergang der abendländischen Kultur heraufziehen. Umso mehr war die Verlagsleitung erstaunt, als die gesamte Auflage innerhalb weniger Wochen vergriffen war. Offenbar hatten viele Lehrer und vor allem Schüler diese unkonventionelle Lektüre begrüßt. Der Zaubertrank des Druiden schien dem Lektüreschock seinen Schrecken genommen zu haben. Ich bekam sofort den Auftrag für einen zweiten Band. Mittlerweile gibt es 22 Bände. Noch in diesem Jahr wird "Asterix bei den Schweizern" ("Asterix apud Helvetios") hinzukommen. Und 2006 soll es einen ganz neuen Band von Uderzo geben, dessen Titel der Autor aber noch geheimhält.
Die übersetzerischen Leitlinien ergaben sich aus dem Grundkonzept einer vereinfachten und motivierenden Vorbereitung der Cäsarlektüre:
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Überlange Satzgebilde und komplizierte Konstruktionen sollen vermieden werden;
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alle bei Cäsar häufig vorkommenden grammatischen Phänomene sollen vertreten sein, wie z.B. AcI, Abl.abs., PC, nd-Formen und die wichtigsten Nebensätze;
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soweit möglich sollen Vokabeln und Phrasen verwendet werden, die auch bei Cäsar belegt sind;
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der Wortwitz des Originals soll unbedingt beibehalten werden;
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an geeigneten Stellen wurde mir die Freiheit eingeräumt, situationsbezogene lateinische Phrasen und Sprichwörter einzublenden.
Ich möchte einige Bemerkungen zu den Übersetzungsproblemen machen. Die Übertragung moderner Ausdrücke ins Latein war nicht immer einfach. Eine echte Herausforderung stellten z.B. die Namen kulinarischer Spezialitäten im Band "Le Tour de Gaule" (lateinisch "Iter Gallicum") dar, die Asterix und Obelix bei ihrem Streifzug durch Gallien einsammelten.
Aber es gibt dafür eine Reihe vorzüglicher Lexika, die eine echte Hilfe darstellen.
Eine größere Schwierigkeit stellen die zahlreichen Wortspiele der Asterixcomics dar, die nicht ohne Verlust in irgendeine Fremdsprache übertragen werden können. Der Bielefelder Romanist André Stoll behauptet in seinem Buch "Asterix, das Trivialepos Frankreichs…", dass bei der Übersetzung ins Deutsche über 60 % des Wortwitzes verloren gegangen seien. Zwei Beispiele für viele:
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Jedes Heft enthält auf einer der ersten Seiten eine Landkarte ganz Galliens. Unter einer riesigen Lupe erscheint das Dorf der unbesiegbaren Gallier. Es ist von vier Römerlagern umgeben, die schon durch ihre Namen lächerlich gemacht werden. Eines der Lager heißt Petibonum, was geschrieben lateinisch aussieht, aber durch die französische Aussprache wird daraus petibonhomme, was dem deutschen Wort "Spießer" entspricht. In der deutschen Übersetzung ist aus Petibonum das langweilige "Kleinbonum" geworden. Im Lateinischen ist mir auch nichts besseres eingefallen als "Parvibonum".
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Im ersten Band "Asterix le Gaulois" braut der Druide den Römern statt des begehrten Zaubertranks ein Haarwuchsmittel. Asterix und der Druide bringen einen römischen Zenturio zur Weißglut, indem sie Sätze von sich geben, in denen das Wort "Haar" vorkommt. Auf einem Bild deutet Asterix in seine Hand und sagt: "Il a un poil su la main.". Diese Geste bedeutet im Französischen: "Er ist arbeitsscheu." Die Übersetzung muss also diese Bedeutung, gleichzeitig einen sinnvollen Bezug zu dieser Geste haben und das Wort "Haar" enthalten. Ein schier unlösbares Problem. So ist es kein Wunder, dass sowohl die deutsche als auch die lateinische Übersetzung keine überzeugende Lösung bieten.
Dem Absatz der lateinischen Asterixalben tat diese Nachteile, die ja nur von Kennern bemerkt wurden, keinen Abbruch. Vom ersten Band "Asterix Gallus" waren Ende 1983 bereits 100.000 Exemplare verkauft. 1986 musste er bereits zum 7. Mal neugedruckt werden. So beliebt der Asterix Latinus war, so wurde doch von Lehrern beklagt, dass es sich nicht um Originallatein handelt. Sollten also die von den Bildern verwöhnten Schüler nach dem gallischen Festgelage auf der letzten Seite ihres Asterix Latinus mit einer reinen Textausgabe traktiert werden? Die lateinischen Textausgaben, die in der Schule verwendet werden, enthalten ja meist keine Illustrationen. Um Schülern und Lehrern die Möglichkeit zu geben, nach einem lateinischen Asterixband auch illustrierte Originaltexte römischer Autoren zu lesen, habe ich zwei der meistgelesenen römischen Autoren, nämlich Cäsars "De bello Gallico" und Ovids "Metamorphosen" beim Klett-Verlag in Comicform herausgebracht.
"Cäsar als Comic" klingt irreführend. Nur in ihrer Entstehungszeit am Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika waren alle Comics lustig. Man nennt sie daher auch Funnies. Heutzutage ist "Comic" ein reiner Gattungsbegriff. Auch ernste Inhalte bis hin zur Bibel sind als Comic erschienen. Daher können römische Autoren in Comicform gebracht werden, ohne dass die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens Schaden nimmt. Um dies zu gewährleisten, müssen Text und Illustrationen möglichst authentisch sein. Bei Cäsar bestand das Problem darin, dass er von sich in der dritten Person spricht. Für den Comic habe ich Cäsar und seine Gesprächspartner in der ersten Person reden lassen. Alle Änderungen und Zusätze habe ich durch kursive Buchstaben kenntlich gemacht.
Auf diesem Bild sieht der Leser, dass der gesamte Inhalt des redaktionellen Kästchen von mir hinzugefügt wurde. Zur Sprechblase ist in diesem besonderen Fall im nächsten Bild der Originalwortlaut abgedruckt. Vergleichen Sie: "reprehendam" entspricht im Original "reprehendat", "intellego" entspricht "intellegat" etc. Zahlen am unteren Ende jeder Seite verweisen zusätzlich auf den Originaltexet, der im hinteren Teil der Ausgabe ohne Änderungen abgedruckt ist.
Auch auf die Authentizität der Realien ist größter Wert gelegt worden.
Als Beispiel zeige ich Ihnen den Einsatz einer keltischen Erntemaschine, wie wir sie von Reliefs kennen. Der Cäsarcomic entlastet dadurch den Lehrer, der sonst mit viel Mühe und Zeit selbst für entsprechendes Bildmaterial sorgen müsste.
Das Prinzip "Authentizität von Text und Bild" ist auch in der Comicausgabe von Ovids Metamorphosen beachtet.
Hier handelt es sich um die Geschichte von Apoll und Daphne. Cupido, der Gott der Liebeslust, der zuvor von Apoll in seiner Ehre gekränkt worden war, rächt sich, indem er zwei verschiedene Pfeile abschießt: einen stumpfen, der die Liebe vertreibt, auf Daphne, einen spitzen, der die Liebeslust weckt, auf Apoll. Die Folgen sind bekannt. Unter den frames läuft der originale Ovidtext. Der Text in den Bildern ist eine sehr vereinfachte Version des Originals, sodass man die Handlung zunächst auch ohne das nicht einfache Latein Ovids verstehen kann. Wendet sich der Betrachter dann dem Originaltext zu, besteht nicht die Gefahr, dass er zu einer völlig falschen Übersetzung kommt, wie man das als Lehrer bei reinen Textausgaben oft erlebt.
Dass geeignete Illustrationen nicht nur motivieren, sondern das Verstehen eines fremdsprachlichen Textes fördern und beschleunigen, wird heute allgemein anerkannt. Dass schulische Textausgaben dennoch immer noch glauben, ohne Illustrationen auskommen zu können, ist schwer zu verstehen. Lateinische Lehrbücher sind ja seit langem reich bebildert. Allerdings stehen dort die Illustrationen sehr oft neben dem Text und ohne inneren Bezug zu ihm. Auch hier ist noch eine Menge zu leisten. Vielleicht können meine Asterixübersetzungen und meine Klassikerausgaben in Comicform dazu anregen, ein Konzept für die Bebilderung lateinischer Schulbücher zu entwickeln und auch andere antike Texte zu bebildern. Dadurch könnte der Grammatik- und Lektüreunterricht anschaulicher gestaltet werden im Sinne des eingangs zitierten Sprichtworts "Ich sehe [ein Bild], und ich verstehe [den Text]."
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